100 Days of Deception | Die Fahrkarte aus Folge 3… 3 Wochen später: „jener Tag“ in Shanghai
⚠️ Spoiler zu den Folgen 1–6 von 100 Days of Deception. Deutungen und Vorhersagen sind im Text als „meine Deutung“ und „mein Tipp“ gekennzeichnet.
In Folge 4 gesteht jemand, aus Shanghai gekommen zu sein, um Sato zu töten. Es ist So-ran, die Scharfschützin des Gugukdan. Doch in derselben Folge fällt auch aus Satos Mund das Wort Shanghai. Vor einem hohen Polizeibeamten sagt er: „Dass sie im Auftrag des Gajeongbu in Shanghai ein Attentat auf Seine Exzellenz den Generalgouverneur geplant haben …“
Gajeongbu. Für koreanische Ohren klingt das zuerst nach dem ganz alltäglichen Wort für eine Haushälterin. Sato hat sogar selbst eine im Haus, Yanagi. Doch das Gajeongbu, von dem Sato spricht, ist gar kein Mensch.
Über sechs Folgen hinweg hat die Serie in ihren Dialogen ganz beiläufig Namen aus der echten Geschichte fallen lassen. Kim Gu, Lee Bong-chang, Lee Deok-ju und Nam Ja-hyeon.
Die Frage für heute lautet also: Was steckt hinter dem „Gajeongbu in Shanghai“, von dem Sato spricht? Und was geschah um diese Zeit in Shanghai?
Ein Hinweis vorweg: Folgt man dem Kalender der Serie, passiert genau drei Wochen nach Folge 3 in Shanghai etwas, das die koreanische Geschichte nie vergessen hat. Ob die Serie bis zu diesem Tag kommt, wägen wir am Ende ab. Wir setzen das Bild Dialogzeile für Dialogzeile zusammen, und zum Schluss gibt es neue Gordon-Insight-Tipps.
Die Uhr der Serie
Zuerst klären wir, wann genau diese Geschichte eigentlich spielt. Schauen wir auf den Einladungsbrief zu einem Vorstellungsgespräch, der Ga-kyung in Folge 3 in die Hände gefallen ist: Das Datum lautet Samstag, 9. April, 13 Uhr. Bei dem Gespräch geht es um nichts Geringeres als ein Studium in Amerika, also prüft Ga-kyung hastig, welcher Tag heute ist. Heute ist der 8. April. Das Gespräch ist schon morgen.
In den 1930er-Jahren fiel der 9. April nur in zwei Jahren auf einen Samstag: 1932 und 1938.
Doch auf der Fahrkarte, die Ga-kyung in der Hand hält, steht die Antwort schwarz auf weiß. Shōwa 7 – also der 8. April 1932.

© tvN „100 Days of Deception“
Und Folge 4 liefert eine Zeile, die das ein zweites Mal festnagelt. Der Name, den Sato vor dem Polizeibeamten fallen lässt, ist Kim Gu. Er nennt es das Werk eines Mannes, der auf Kim Gus Befehl handelte, und fährt fort: „Lee Bong-changs Hochverrat, sein Anschlag auf Seine Majestät den Kaiser in Tokio, liegt erst drei Monate zurück.“
Lee Bong-changs Anschlag fand am 8. Januar 1932 statt. Drei Monate später ist April. Das passt genau zum Brief aus Folge 3.
Die Uhr dieser Serie steht auf April 1932. Und dieser April war für Korea ein wirklich schwerer Monat.
Was „Gajeongbu“ bedeutet
Zurück zu Satos Worten in Folge 4. Nach Lee Bong-chang kommt er auf den nächsten Fall zu sprechen: die „Aufrührerbande“, die in der Provinz Hwanghae gefasst wurde. Und in wessen Auftrag sollen diese Leute gehandelt haben? Genau das stand am Anfang dieses Beitrags: im Auftrag des Gajeongbu in Shanghai.
Achtet in dieser Szene auf die linke untere Bildecke. Dort hat die Serie selbst eine Erläuterung eingeblendet.

© tvN „100 Days of Deception“
Das ga in Gajeongbu ist nicht das ga (家) für „Haus“, wie in Haushälterin. Es ist das ga (假) für „falsch“ oder „provisorisch“. Gajeongbu, geschrieben 假政府, heißt „provisorische (falsche) Regierung“, gemeint ist eine Regierung, die völkerrechtlich nicht anerkannt ist. So nannte das kaiserliche Japan die Provisorische Regierung der Republik Korea in Shanghai. Die Serie hat Sato schlicht die Sprache seiner Zeit in den Mund gelegt.
Tatsächlich taucht der Begriff genau so in den Zeitungen jener Jahre auf. Die Akten zur Provisorischen Regierung, die das Nationale Institut für koreanische Geschichte zusammengetragen hat, zeigen: Die Maeil Sinbo, das Sprachrohr des Generalgouvernements, schrieb schon 1919 vom „Gajeongbu in Shanghai“. Auch in Schlagzeilen von Dong-A Ilbo und Chosun Ilbo stehen Wendungen wie „Mitglied des Shanghaier Gajeongbu“ oder „Kriegskasse des Shanghaier Gajeongbu“.
Satos Satz heißt also, ausgeschrieben: Die in Hwanghae gefassten Männer hat die Provisorische Regierung in Shanghai geschickt.
Doch in dieser Zeile steckt noch etwas. Den Fall, von dem Sato spricht, hat es wirklich gegeben. Dazu gleich mehr.
Leute aus Shanghai
Auch der Gugukdan der Serie kommt aus Shanghai. In Folge 3 durchsucht die Polizei ein Gasthaus, und Hideo will sich vergewissern: „Mit Gugukdan meinen Sie die Gruppe, die ihren Sitz in Shanghai hat?“ Und als Ga-kyung die Frage für die Leute im Gasthaus übersetzt, geht es um dasselbe: ob sie hier eine Unabhängigkeitsgruppe namens Gugukdan versteckt hätten.
Eine Unabhängigkeitsgruppe mit Sitz in Shanghai. In Folge 2 fällt sogar ein Name. Laut Polizeibericht handelt es sich um Han Cheol-yong, einen führenden Agenten des Gugukdan. Er steckt hinter dem Mordversuch am Leiter der Polizeiwache Jongno vor zwölf Jahren – und als er vor zwei Jahren aus dem Gefängnis kam, ging er nach Shanghai.
Bei So-ran ist es nicht anders. Als sie in Folge 2 ihre eigene Geschichte erzählt, kommt auch der Moment vor, in dem sie zum ersten Mal von etwas namens Gugukdan in Shanghai hörte.
In Folge 2 wird der wahre Name des Gajeongbu sogar ausgesprochen. Philip meint: Die Provisorische Regierung wisse ja, dass sie es auf Sato abgesehen hätten, also könne der Täter auch keiner von deren Leuten sein. Die Provisorische Regierung – genau das, was Sato Gajeongbu nannte. Die Pläne des Gugukdan reichen also bis nach Shanghai.
Dann, in Folge 3, streiten die Gugukdan-Mitglieder darüber, ob sie Ga-kyung als Spionin einschleusen sollen. Was für ein Posten ist das? „Ein Posten, der alles in der Hand hält, bis hin zur Lebensader des Hauptquartiers in Shanghai.“
Das Hauptquartier in Shanghai. Hinter dem Gugukdan in Gyeongseong steht Shanghai. Wer aber war 1932 tatsächlich in Shanghai?
Die echte Geheimorganisation in Shanghai
1932 hatte die Provisorische Regierung der Republik Korea ihren Sitz in Shanghai. Gegründet 1919, hielt sie sich zu diesem Zeitpunkt schon seit dreizehn Jahren. Doch damals fehlte ihr das Geld für die Unabhängigkeitsbewegung, und die Probleme häuften sich, innen wie außen. Das Video, das das Ministerium für Patrioten und Veteranen eigens zu dieser Serie gedreht hat, beschreibt jene Jahre genauso.
Da spielte Kim Gu seine Karte aus: die Koreanische Patriotische Organisation, die er 1931 im Geheimen gegründet hatte. Ihr Ziel war ein einziges: die Führungsspitze des kaiserlichen Japan im Herzen seiner Macht zu treffen. Die Mitglieder legten vor der koreanischen Flagge einen Eid ab und zogen los.
Ein Hauptquartier in Shanghai, Agenten, die eingeschleust werden, um den Generalgouverneur und den Kaiser ins Visier zu nehmen. Kommt euch das bekannt vor? Für mich sieht der Gugukdan der Serie der Koreanischen Patriotischen Organisation zum Verwechseln ähnlich.
Und die Fälle, die Sato aufzählt, waren genau die Aktionen dieser Organisation. Am Ende dieser Reihe steht jener Tag, drei Wochen nach Folge 3.
Drei Monate zuvor, Tokio
Der erste Fall: 8. Januar 1932, Tokio. Lee Bong-chang, Mitglied der Koreanischen Patriotischen Organisation, warf eine Bombe auf die Prozession des Kaisers. Mitten in Tokio, direkt vor dem Polizeipräsidium.
Und Lee Bong-chang hatte etwas mit Hideo gemeinsam. Er soll ein junger Koreaner gewesen sein, der in Japan unter japanischem Namen lebte, ganz wie ein Japaner. Und doch ging er zu Kim Gu nach Shanghai und meldete sich freiwillig, um den Kaiser anzugreifen. Ein Koreaner, der als Japaner gelebt hatte, entschied sich am Ende dafür, wer er wirklich war.
Die Bombe erreichte den Kaiser nicht, aber Japan stand kopf. Zeitungen druckten Extrablätter, und auch chinesische Blätter brachten die Nachricht groß heraus.
Auch der Generalgouverneur der Serie kann das nicht vergessen. In Folge 5, zurück in Gyeongseong, klagt er: „Wegen Schurken wie Lee Bong-chang und Lee Deok-ju …“ Der mächtigste Mann in Korea muss seine Termine geheim halten und sich heimlich bewegen.
Aber was ist mit dem Namen neben Lee Bong-chang, Lee Deok-ju? Wer war das? Genau der Mann aus Hwanghae, von dem Sato sprach.
Gefasst in Hwanghae
Im Frühjahr 1932 schickte Kim Gu zwei Männer nach Korea: Lee Deok-ju und Yu Jin-sik. Ihr Ziel war Generalgouverneur Ugaki. Noch während sie den Anschlag vorbereiteten, wurden die beiden in Sincheon in der Provinz Hwanghae gefasst. Auch die Enzyklopädie der koreanischen Kultur hält fest, dass sie in Hwanghae verhaftet wurden. Im Sommer desselben Jahres wurden beide zu sieben Jahren Haft verurteilt.
Erinnert euch jetzt noch einmal an Satos Satz in Folge 4: eine in Hwanghae gefasste „Aufrührerbande“, ein Auftrag des Gajeongbu in Shanghai, ein Anschlag auf den Generalgouverneur. Ort, Ziel, Hintermann – alles passt. Die Serie hat Sato einen realen Fall ganz nebenbei erzählen lassen.
In Folge 5 sagt der Generalgouverneur dasselbe, vor versammelten hohen Beamten. Leute, die auf Kim Gus Geheiß handelten, beklagt er, schlichen sich nach Korea, um ihn zu töten. In Folge 4 hieß es „im Auftrag des Gajeongbu in Shanghai“, in Folge 5 „auf Kim Gus Geheiß“. Den Hintermann, den Sato Gajeongbu nannte, nennt der Generalgouverneur Kim Gu. Und auch in Wirklichkeit war es Kim Gu, der Lee Deok-ju und Yu Jin-sik losgeschickt hatte.
Und der Gugukdan der Serie? In Folge 5, in dem Zimmer, in dem ein verwundeter Kamerad versteckt wird, macht die Nachricht die Runde, dass der Gugukdan an diesem Abend in Dongsung-dong einen Anschlag auf Sato versucht hat und offenbar gescheitert ist. Und der Preis: Auch mehrere Gugukdan-Leute sind tot.
Der echten Koreanischen Patriotischen Organisation erging es nicht anders. Lee Bong-chang kehrte nie zurück, Lee Deok-ju bekam sieben Jahre. Wer einmal aufbrach, kam von diesem Weg kaum je zurück.
Und nach einem Fehlschlag folgt, wie immer, die Säuberung. Satos Befehl: den Gugukdan mit der Wurzel ausreißen.
Erzählen Sie es der Welt
Zurück zu jener Szene in Folge 4. Sato macht den Gugukdan auch auf diese Weise schlecht: Sogar die westliche Presse, sagt er, nenne sie „Terroristen“.
Wie die Welt sie nennt – das ist auch für andere Figuren dieser Serie eine entscheidende Frage. In Folge 2 geraten Philip und So-ran wegen eines Versprechens aneinander, das in Shanghai gegeben wurde. Worin bestand dieses Versprechen? In So-rans Worten: „Erzählen Sie der Welt von dem Unrecht, das Korea mit dem Raub seiner Souveränität angetan wurde, und von Japans Gräueltaten.“ Und ihr eigener Teil? „Die Waffen und Bomben übernehmen wir.“

© tvN „100 Days of Deception“
Deshalb lautet das Geheimnis ihrer Ehe, das So-ran in Folge 4 gesteht: Sie hat sich gezielt einem ahnungslosen Amerikaner genähert und ihn geheiratet. Die Waffen für den Gugukdan, die Feder für Philip, den amerikanischen Reporter. So-rans Ehe drehte sich von Anfang an um diese Feder.
Und 1932 waren die Augen der Welt tatsächlich auf diese Region gerichtet. In Folge 3 spricht Philip Hideo darauf an: Komme nicht bald eine Kommission des Völkerbunds nach Gyeongseong? Warum die Kommission überhaupt bis nach Ostasien kam, wird im selben Gespräch genannt: die Mandschurei-Krise, der Shanghai-Zwischenfall.
Die Mandschurei-Krise von 1931 und der Shanghai-Zwischenfall vom Januar 1932. Der Völkerbund schickte die Kommission, um herauszufinden, was in der Mandschurei wirklich geschehen war. Und es gab eine Koreanerin, die sich einen Finger abschnitt, um dieser Kommission einen Brief zu schreiben.
Die Scharfschützin
Bevor wir zu ihr kommen, erst diese Zeile aus Folge 6. Na Byeong-sun überbringt Keum Seok-jung Neuigkeiten über den Gugukdan: Offenbar habe der das Ganze eingefädelt, um Sato zu töten. Gemeint sind die Schüsse in Philips Haus.
Und Byeong-sun hat noch etwas herausgefunden: Der Gugukdan hat tatsächlich eine Scharfschützin. An wem ihr Können gemessen wird, verrät dieser Satz: „Sie soll Nam Ja-hyeon in nichts nachstehen …“
Nam Ja-hyeon hat es wirklich gegeben. Als die Kommission des Völkerbunds 1932 nach Harbin kam, schnitt sie sich einen Finger ab und schrieb mit ihrem Blut „韓國獨立願“ – „Ich wünsche Koreas Unabhängigkeit“. Im Jahr darauf soll sie, als alte Bettlerin verkleidet und mit einer versteckten Bombe, auf dem Weg zu einem Anschlag auf den japanischen Botschafter gefasst worden sein. Später starb sie als Märtyrerin.
Die Scharfschützin des Gugukdan in der Serie ist natürlich So-ran. Eine Schützin, die in einem Atemzug mit Nam Ja-hyeon genannt wird. Damit wiegt ihr Satz, sie sei aus Shanghai gekommen, gleich noch schwerer.
Bevor die Kommission kommt
Nun zurück zur Kommission des Völkerbunds. In jener Sitzung aus Folge 5, die wir schon kennen, verkündet der Generalgouverneur seinen Beamten als Erstes, dass die Kommission des Völkerbunds bald in Gyeongseong eintreffe. Genau die Kommission, die Philip in Folge 3 angesprochen hat.
Was bei diesem Besuch auf dem Spiel steht, sagt der Generalgouverneur ebenfalls klar: Soll der Völkerbund Mandschukuo als rechtmäßig anerkennen, muss die Kommission eine Mandschurei und ein Korea sehen, die sich friedlich entwickeln.
Doch auch in der Mandschurei hatte der Generalgouverneur Sorgen. Namen wie Ji Cheong-cheon und Yang Se-bong kommen ihm über die Lippen. Auch zu diesen beiden Namen blendet die Serie Erläuterungen ein. Ji Cheong-cheon, Oberbefehlshaber der Koreanischen Unabhängigkeitsarmee; Yang Se-bong, Oberbefehlshaber der Koreanischen Revolutionsarmee. Beide waren echte Befehlshaber der Unabhängigkeitsbewegung, die 1932 in der Mandschurei gegen die japanische Armee kämpften.
Nach Lee Bong-chang, Lee Deok-ju und Nam Ja-hyeon also noch mehr reale Personen. Der Schluss, den der Generalgouverneur daraus zieht: Das Generalgouvernement macht die öffentliche Ordnung in Gyeongseong zur obersten Priorität. Und seinem Vizegouverneur – also Sato – erteilt er eigens den Befehl, sich mit größter Sorgfalt um die in Gyeongseong stationierten Auslandskorrespondenten zu kümmern.
Ein Auslandskorrespondent in Gyeongseong. In der Serie ist das Philip, der amerikanische Reporter. Darum umsorgt Sato Philip so auffällig. Schon in Folge 2 hatte der Generalgouverneur Sato am Telefon eingeschärft: Dieser amerikanische Reporter dürfe sich auf keinen Fall Sorgen um die Lage in Korea machen.
Auch Philip weiß, welche Karte er in der Hand hält. In Folge 6 bringt er es auf den Punkt: Jetzt, wo die ganze Welt wegen Mandschukuo auf Japan schaut – was, wenn Sato zu dem Schluss kommt, Philip könnte über den Kyeam-ri-Vorfall berichten? Was dann? So-rans Antwort: Wenn mit Mandschukuo so viel auf dem Spiel steht und die Auslandspresse laut wird, könnte Sato seinen Posten als Vizegouverneur verlieren.
Eine einzige Zeile in der Auslandspresse könnte also die Stellung der Nummer zwei im Generalgouvernement erschüttern. In Folge 6 fällt auch dieser Satz: Schon damals habe ein ausländischer Reporter die Sache im Ausland publik gemacht, und am Ende sei es bis vor Gericht gegangen. Der Kyeam-ri-Vorfall – den die Serie ins Jahr Taishō 8 (1919) legt – kam also wegen eines einzigen Artikels eines ausländischen Reporters vor Gericht.
Die Feder, die So-ran Philip anvertraut hat, war also eine Waffe, die einem Gewehr in nichts nachstand.
29. April, Shanghai
Gehen wir jetzt zurück zur Uhr der Serie. Folge 3 spielt am 8. April. Was also geschah Ende dieses Aprils in Shanghai?
- April 1932, Hongkou-Park, Shanghai. Dort fand eine Feier statt, die zugleich den Geburtstag des Kaisers und Japans Sieg im Shanghai-Zwischenfall beging.
An diesem Tag war ein junger Mann dort: Yun Bong-gil. Er lebte in Shanghai als Gemüsehändler und beobachtete die Bewegungen der japanischen Armee. Am 26. April, kurz vor dem Anschlag, trat er der Koreanischen Patriotischen Organisation bei und legte den Eid ab – den Schwur, für die Unabhängigkeit seines Landes die Offiziere des Feindes zu richten, der es überfallen hatte.
Kim Gu gab ihm zwei Bomben. Die eine hatte die Form einer Feldflasche, die andere die einer Brotdose.
Es gibt echte Filmaufnahmen von diesem Tag. Auf der Tribüne stand die japanische Führungsspitze, darunter Shirakawa, der Befehlshaber der Shanghai-Expeditionsarmee. An jenem Morgen soll Yun Bong-gil mit Kim Gu die Uhren getauscht haben. Meine Uhr brauche ich nur noch eine Stunde, sagte er, lassen Sie uns tauschen.
Dann wirft Yun Bong-gil die Feldflaschen-Bombe auf die Tribüne.
Shirakawa wurde schwer verletzt und starb etwa einen Monat später; auch Kawabata, der Vorsitzende der japanischen Einwohnervereinigung, kam ums Leben. Der Gesandte Shigemitsu und mehrere weitere Würdenträger wurden schwer verletzt.
Die meisten kennen die Geschichte als die der „Brotdosen-Bombe“, nicht wahr? Diese Brotdosen-Bombe soll er zurückbehalten haben, um sich nach dem Anschlag selbst das Leben zu nehmen. Doch das misslang, und er wurde noch am Ort festgenommen. Im Dezember desselben Jahres wurde er in Japan erschossen und starb als Märtyrer.
Der Gesandte Shigemitsu, an jenem Tag auf der Tribüne schwer verletzt, verlor ein Bein. Und dreizehn Jahre später, 1945, war es genau dieser Shigemitsu, der auf einen Stock gestützt an Bord der USS Missouri ging und Japans Kapitulationsurkunde unterzeichnete.
Danach soll Kim Gu über die Auslandspresse der Welt mitgeteilt haben, dass dies eine Aktion der Koreanischen Patriotischen Organisation war. Genau das, worum So-ran Philip gebeten hatte: es der Welt zu erzählen.
Und dieses Ereignis bewegte China. Auch Chiang Kai-shek soll es in den höchsten Tönen gelobt haben. Gemeint ist hier nicht die heutige kommunistische Regierung, sondern Chiang Kai-sheks nationalistische Regierung, die Republik China – dieselbe Regierung, die später nach Taiwan ging. Die Chinesen begannen, die koreanische Unabhängigkeitsbewegung mit anderen Augen zu sehen, und diese Regierung fing an, die Provisorische Regierung aktiv zu unterstützen. Diese Hilfe reichte, so heißt es, bis zur Gründung der Koreanischen Befreiungsarmee im Jahr 1940.
Japans Reaktion war hart. In Shanghai wurden Koreaner reihenweise festgenommen, und auf Kim Gus Kopf soll eine hohe Belohnung ausgesetzt worden sein. Am Ende musste die Provisorische Regierung Shanghai verlassen, wo sie so lange ihren Sitz gehabt hatte.
Ausgerechnet in jenem April, in dem das Generalgouvernement der Serie die Sicherheit so drastisch verschärft. Am Ende dieses Monats geschah all das.
Der 8. April auf der Fahrkarte aus Folge 3, und genau drei Wochen später der 29. April. Für mich sieht es so aus, als ticke die Uhr der Serie auf genau diesen Tag zu.
Die Antwort von heute
Also zurück zu unserer Ausgangsfrage. Das „Gajeongbu in Shanghai“, von dem Sato sprach, war keine Haushälterin. Es war der Name, mit dem das kaiserliche Japan die Provisorische Regierung der Republik Korea in Shanghai bezeichnete.
Lee Bong-chang, Lee Deok-ju, Nam Ja-hyeon, Ji Cheong-cheon, Yang Se-bong – die Namen, die die Serie schon genannt hat. Und einer, den sie noch nicht genannt hat: Yun Bong-gil, am Ende jenes Monats. Alles echte Namen aus dem Jahr 1932.
Darum sieht der Gugukdan für mich aus wie ein Schatten der Koreanischen Patriotischen Organisation von 1932. Ein Hauptquartier in Shanghai, Agenten, die nach Gyeongseong eingeschleust wurden, und ihr Ziel, die Nummer zwei des Generalgouvernements: Sato.
Das ist natürlich meine Deutung. Ob die Serie dieser Geschichte so folgt, wie sie sich zugetragen hat, weiß niemand. Aber wer diese Uhr kennt, hört jede einzelne Dialogzeile anders.
Gordon-Insight-Tipps
Also, vor Folge 7: meine drei neuen Gordon-Insight-Tipps.
Tipp eins: Wenn die Uhr der Serie das Ende des Aprils erreicht, dringt die Nachricht vom Hongkou-Park bis nach Gyeongseong – und das wird für den Gugukdan das Signal zum Losschlagen.
Tipp zwei: Der Besuch der Völkerbundkommission in Gyeongseong wird zu Philips Bühne. Der Artikel, um den So-ran ihn gebeten hat – der, der es der Welt erzählt –, erscheint genau dann. Dass Philip Reporter ist, die Kommission des Völkerbunds und Satos Bemerkung über die westliche Presse: Ich glaube, diese drei Fäden laufen ab Folge 7 zu einem einzigen Spielzug zusammen.
Tipp drei: Sato hat es in Wahrheit nicht nur auf den Gugukdan in Gyeongseong abgesehen, sondern auf das Hauptquartier in Shanghai. In Folge 2 sagt Sato, es sei egal, ob es wirklich der Gugukdan war – man sage einfach, der Gugukdan habe es getan. Der Täter war ihm gleichgültig, er brauchte einen Vorwand. Und dann setzt er nach: „Diesmal reißen wir den Gugukdan mit der Wurzel aus.“ Wenn von der Wurzel die Rede ist, dann wohl vom Hauptquartier in Shanghai, von dem wir in Folge 3 gehört haben.
Wie sieht eure Prognose aus? Wird die Serie den 29. April wirklich zeigen? Sobald Folge 7 gelaufen ist, werte ich diese Tipps sofort aus.
Quellen
Reale Geschichte
- 가정부(假政府), „provisorische (falsche) Regierung“ — Erläuterung im Bild, Folge 4 · 국사편찬위원회 한국사DB (Nationales Institut für koreanische Geschichte, Datenbank zur koreanischen Geschichte), 「대한민국임시정부자료집」 (Quellensammlung zur Provisorischen Regierung; Schlagzeilen aus Maeil Sinbo 1919 sowie Dong-A Ilbo und Chosun Ilbo 1920)
- Koreanische Patriotische Organisation (1931) und Lee Bong-changs Anschlag (8. Januar 1932) — 한국민족문화대백과 (Enzyklopädie der koreanischen Kultur) · 국가보훈부 (Ministerium für Patrioten und Veteranen), 「드라마 '100일의 거짓말' 1932년 실제 역사는?」 (14. Oktober 2026)
- Lee Deok-ju und Yu Jin-sik (1932, in Hwanghae verhaftet) — 국가보훈부 공훈전자사료관 (elektronisches Archiv des Ministeriums für Patrioten und Veteranen) · 한국민족문화대백과 (Enzyklopädie der koreanischen Kultur)
- Shanghai-Zwischenfall (28. Januar bis 5. Mai 1932) — US-Außenministerium, FRUS (Foreign Relations of the United States)
- Yun Bong-gils Anschlag (29. April 1932) — 한국민족문화대백과 (Enzyklopädie der koreanischen Kultur), 「윤봉길」 und 「훙커우공원 의거」 · KBS 히스토리 〈영상한국사〉 (KBS History, Visual Korean History) 180 und 182 (Chiang Kai-sheks Lob: 179)
- Wurf der Feldflaschen-Bombe, Brotdosen-Bombe für den Suizid, Tod in Japan im Dezember — 한국민족문화대백과 (Enzyklopädie der koreanischen Kultur), 「윤봉길」 und 「훙커우공원 의거」 · KBS 〈영상한국사〉 180
- Unterstützung der Provisorischen Regierung durch China (Nationalregierung der Republik China) nach dem Anschlag — 한국민족문화대백과 (Enzyklopädie der koreanischen Kultur), 「훙커우공원 의거」 · 서울신문 (Seoul Shinmun), 「이달의 독립운동가 윤봉길의사」 (1. April 1992)
- Shigemitsu Mamoru (1932 verletzt, unterzeichnete am 2. September 1945 auf der USS Missouri die Kapitulationsurkunde) — Wikipedia, „Mamoru Shigemitsu“ · TIME
- Nam Ja-hyeon (Blutbrief „韓國獨立願“, 1932) — 한국민족문화대백과 (Enzyklopädie der koreanischen Kultur), 「무토 암살 의거」
- Ji Cheong-cheon (Oberbefehlshaber der Koreanischen Unabhängigkeitsarmee) und Yang Se-bong (Oberbefehlshaber der Koreanischen Revolutionsarmee) — Erläuterungen im Bild, Folge 5 · 한국민족문화대백과 (Enzyklopädie der koreanischen Kultur), 「쌍성보전투」 · 서울신문 (Seoul Shinmun, 24. Dezember 2019)
Die Serie
- 100 Days of Deception, Wochenendserie zum 20-jährigen Jubiläum von tvN, Folgen 1–6 (bei Netflix und TVING, 16 Folgen) — Erläuterungen im Bild zu Gajeongbu (假政府) in Folge 4 sowie zu Ji Cheong-cheon und Yang Se-bong in Folge 5
- Regie: Yoo In-sik, Kim Yun-jin · Drehbuch: Ryu Bo-ri · Produktion: Studio Dragon, Nangman Crew
Im Video verwendetes Material
- KBS 히스토리 〈영상한국사〉 (KBS History, Visual Korean History) 178, 180 und 182 (Filmaufnahmen von 1932)
- 국가보훈부 (Ministerium für Patrioten und Veteranen), YouTube: 「드라마 '100일의 거짓말' 1932년 실제 역사는?」 (14. Oktober 2026)
- 국사편찬위원회 한국사DB (Nationales Institut für koreanische Geschichte, Datenbank) · 국가보훈부 공훈전자사료관 (elektronisches Archiv des Ministeriums für Patrioten und Veteranen) · 한국민족문화대백과사전 (Enzyklopädie der koreanischen Kultur) — Bildschirmaufnahmen der Seiten
- Animierte Karten (Geländedaten: Natural Earth / world-atlas)
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